Während unserer Neuseeland Reise hatte mein Pferd Twister ebenfalls Urlaub: 1 Monat nur Koppel mit seinen Freunden, komplette Reduktion auf „einfach Pferd sein“. Welch Bestürzen nach meiner Rückkehr: anstatt nach meinem Pfeifsignal und körpersprachlicher Einladung zu mir zu kommen, dreht er sich einfach um, geht in die letzte Ecke der Koppel und dreht mir sein Hinterteil zu. Ein Verhalten, dass er so noch nie gezeigt hat! Es fühlt sich für mich furchtbar an, ich nehme es fast als persönliche Beleidigung. Dabei habe ich mich doch schon so auf ihn gefreut, nach der langen Zeit. Meine gute Laune ist dahin. Aber halt, die Emotionen muss ich außen vor lassen. Also gehe ich ruhig an das Ende der Koppel, halftere ihn auf und wir gehen zurück zum Stall. Am Putzplatz prüfe ich kurz, ob gesundheitlich alles in Ordnung ist, das hätte ja auch ein Grund für seine „Unwilligkeit“ sein können. Aber nein, alles soweit in Ordnung.

Also gehe ich in mich und versuche mich in meiner Mitte auszubalancieren: ich lösche meine beleidigten Emotionen und zentriere meine Energie in mir.

Kommunikation im Roundpen

Der Roundpen ist ein guter Ort, um das Thema Respekt wiederherzustellen und Führung zu übernehmen. Ich prüfe seine Folgsamkeit im begrenzten Raum und lade ihn öfters ein, außen vom Hufschlag, zu mir in die Mitte zu kommen. Siehe da, auch hier weigert er sich, am Anfang, zu mir zu kommen und bleibt am Hufschlag einfach stehen. Also fordere ich ihn weiter zur Arbeit mit ein paar lockeren Trabrunden auf. Erneut lade ich ihn mit körpersprachlichen Signalen ein, immerhin kommt er schon 1-2 Tritte Richtung Mitte. Und bleibt wieder stehen. Ich verstärke die Einladung und aktiviere mit dem Stick seine Hinterhand. Aber Twister beginnt am Boden zu schnüffeln und schaut dann demonstrativ in eine andere Richtung. Nach dem Motto: „Wenn ich sie nicht sehe – dann sieht sie mich auch nicht.“ Dann also wieder „arbeiten“ – ich fordere weitere Trabrunden und spreche die Einladung erneut aus. Diesmal klappt es und er kommt wie ein Lämmchen mit gesenktem Kopf schnurstracks zu mir in die Mitte. Es folgt ein tiefer Seufzer und er entspannt sich zusehends. Dafür streichle ich ihn ausführlich und spüre die gewohnte positive Verbindung zwischen uns wiederaufkommen. Ich bedanke mich im Geist bei ihm, genieße unsere Zweisamkeit und beende diese Übung.

Das Ziel von Dominanz

Dominanz und Führung ist etwas, was mir mit meinem melancholischen Temperament überhaupt nicht in die Wiege gelegt worden ist. Ich musste hart an mir arbeiten, um es zu lernen. Und oft fühle ich mich noch immer unwohl, bekomme fast ein schlechtes Gewissen dabei. Aber unsere Pferde sind nun mal von Natur aus darauf programmiert, die Rangordnungsfrage immer wieder neu zu prüfen. In der Herde ist er ziemlich dominant. Wenn wir nicht klar darstellen, wer von uns beiden der Boss ist, bleibe ich über. Denn dann übernimmt Twister selbst die Führung und sein Selbsterhaltungstrieb steht absolut im Vordergrund.

Quelle: pixabay.com

Dominanz wird oft von seiner negativen Seite interpretiert – es klingt so nach Unterdrückung, Versklavung oder roher Gewalt! Aber tatsächlich ist es nichts anderes, als Beherrschung und Kontrolle. Von der positiven Seite betrachtet, setzt es Führungs- und Verantwortungsbewusstsein voraus. Was erwarten wir uns im Job von einer guten Führungskraft? Eine gute Kommunikation, klare Zielsetzung und konkrete Planung! Wie oft fehlt es in der Praxis an guten Führungskräften, wie sehr wünschen wir sie uns und wie gerne würden wir solche Menschen respektieren!

Gehen wir selber mit gutem Beispiel voran und agieren in unserer 2er Herde so, wie wir es von guten „Führungskräften“ erwarten. Denn auf diese Weise können wir zumindest den Respekt von unseren geliebten Pferden ernten. Dann folgen wunderbare Erlebnisse und sie gehen mit uns durch dick und dünn. Wir können mit ihnen über Feldwege und Wiesen reiten, gemeinsam gemütlich durch den Wald spazieren gehen, oder auch an einem Turnier teilnehmen. Was immer wir wollen!

Aus Liebe zum Pferd, Eure Ranchgirls